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Grenzgeschichte und Grünes Band im Harz

Die innerdeutsche Grenze teilte den Harz zwischen Niedersachsen und der DDR. Sie verlief durch Wälder und Täler nahe dem Brocken und durch die Eckertalsperre. Entlang des ehemaligen Grenzstreifens finden sich heute Spuren der Teilung, Gedenkorte und naturnahe Landschaften des Grünen Bandes. Die Geschichte lässt sich besonders konkret in Sorge und an der Eckertalsperre nachvollziehen; der Brocken steht zugleich für die jahrzehntelange Abschottung und seine Wiederöffnung im Dezember 1989.

Wie die Grenze den Harz teilte

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag der Harz in unterschiedlichen Besatzungszonen. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 und der Deutschen Demokratischen Republik verlief die Grenze durch eine Region, deren Täler und Höhen zuvor zu einem zusammenhängenden Gebirgsraum gehört hatten. Ab 1952 baute die DDR die Grenzsicherung aus; nach dem Mauerbau 1961 wurde das Grenzregime weiter verschärft. Zäune, Sperrstreifen, Beobachtungstürme und kontrollierte Grenzgebiete prägten das Gebiet auf der östlichen Seite. Menschen aus Orten im Grenzraum lebten mit den Folgen der Abriegelung, während Wege, Verwandtschafts- und Verkehrsbeziehungen durchschnitten wurden.

Natürliche Linien wie die Ecker prägten stellenweise den Verlauf; zugleich war die Staatsgrenze ein politisch und militärisch kontrollierter Raum. Die Ecker bildete im Norden über längere Abschnitte die Grenze. An der Eckertalsperre teilte sie auch den Stausee und verlief durch die Staumauer. Die Anlage wurde 1939 bis 1943 gebaut und diente weiterhin der Trinkwasserversorgung; technische Zusammenarbeit und Wartung waren über die Teilung hinweg geregelt. Eine Grenzsäule auf der Staumauer erinnert an diesen ungewöhnlichen Verlauf. Das Bauwerk macht deutlich, wie Infrastruktur und Grenze im Harz ineinandergriffen.

Brocken: Sperrgebiet und Wiederöffnung

Der Brocken lag auf DDR-Gebiet nahe der Grenze zu Niedersachsen. Der Gipfelbereich wurde militärisch genutzt und war für die Öffentlichkeit gesperrt. Von der westlichen Seite prägten Beobachtung und Grenzanlagen die Sicht auf den Berg; auf DDR-Seite blieb das Brockengebiet ein streng abgeschirmter Bereich. Nach der Grenzöffnung am 9. November 1989 setzten sich Menschen und Naturschutzfachleute für den Zugang und den Schutz des einzigartigen Hochharzraums ein. Am 3. Dezember 1989 wurde der Brocken wieder für die Allgemeinheit freigegeben.

Die Öffnung markierte auch einen Wendepunkt für den Naturschutz. Noch 1990 wurde der Nationalpark Hochharz in der DDR ausgewiesen; in Niedersachsen entstand 1994 der Nationalpark Harz. 2006 wurden die Schutzgebiete beider Länder unter einer gemeinsamen Verwaltung verbunden. Wer den Berg heute besucht, erlebt deshalb sowohl die Natur- und Kulturgeschichte des höchsten Harzgipfels als auch eine Landschaft, deren jüngere Geschichte von Sperrung und Zugang geprägt wurde. Torfhaus war westlich der Grenze ein wichtiger Ausgangspunkt für den Blick zum Brocken.

Sorge und die sichtbaren Spuren der Grenzanlage

Der Ort Sorge lag unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Im Freiland-Grenzmuseum sind Abschnitte der originalen Grenzanlagen erhalten: Grenzzäune, Teile des Kolonnenwegs aus Betonplatten, ein Beobachtungsturm und eine Grenzsäule veranschaulichen den Aufbau des Sicherungssystems. Im ehemaligen Bahnhofsgebäude befindet sich ein kleines Museum mit Objekten aus dem Alltag der Grenztruppen und der Bewohner im Grenzgebiet. Der Verein Grenzmuseum Sorge trägt den Erinnerungsort und vermittelt die Geschichte der Teilung aus der Perspektive dieser Grenzlandschaft.

Ein eigener Erinnerungsort im Umfeld ist der Ring der Erinnerung bei Sorge. Das 1993 von Hermann Prigann gestaltete Naturdenkmal liegt an der früheren Grenzlinie. Es besteht aus einem kreisförmigen Wall aus abgestorbenen Stämmen; in seiner Mitte ragen Grenzpfosten auf. Das Werk verbindet das Gedenken an den ehemaligen Todesstreifen mit der Beobachtung, wie neues Leben aus Totholz hervorgeht. Seine Bedeutung erschließt sich besonders im Zusammenhang mit der angrenzenden Grenzlandschaft und den Spuren des einstigen Kontrollsystems.

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Vom Grenzstreifen zur Lebenslinie

Nach dem Fall der Grenze blieb entlang des einstigen Sperrgebiets ein schmaler, in weiten Teilen wenig intensiv genutzter Korridor. Naturschützerinnen und Naturschützer erkannten darin früh ein überregionales Rückgrat für Lebensräume und richteten 1989/90 das Grüne Band als Naturschutzprojekt ein. In Sachsen-Anhalt ist ein 343 Kilometer langer Abschnitt seit 2019 als Nationales Naturmonument ausgewiesen. Der Schutz verbindet die Aufarbeitung der DDR-Teilung mit dem Erhalt von Natur- und Kulturlandschaften. Das Grüne Band ist zugleich Teil eines europäischen Projekts entlang des früheren Eisernen Vorhangs.

Entlang des Harzes wechseln Wald, offene Flächen, Flussläufe, Stauteiche und frühere Kontrollbereiche. Die Geschichte wird in einer Abfolge von Orten sichtbar. Am Brocken, im Eckertal, bei Sorge und in weiteren Grenzorten wird sie jeweils anders sichtbar. Die Orte Elend, Schierke, Benneckenstein, Bad Harzburg und Ilsenburg liegen im Umfeld verschiedener Grenzabschnitte. Der Brocken und der Harzer-Hexen-Stieg bieten weitere geografische Bezüge zu Höhenzügen und Tälern des Hochharzes.

Geschichte achtsam erkunden

Das Grüne Band im Harz schließt an einen europäischen Verbund von Lebensräumen an, der den Verlauf des früheren Eisernen Vorhangs nachzeichnet. Er reicht vom Norden Europas bis zum Schwarzen Meer. Der Harzabschnitt ist damit zugleich Teil einer regionalen Erinnerungskultur und einer grenzübergreifenden Naturschutzidee. Naturbeobachtung und historische Einordnung treffen hier im selben Gelände aufeinander; alte Grenzspuren werden zu Orientierungspunkten für die heutige Landschaft.

Grenzorte sind zugleich Erinnerungsräume und heutige Lebensorte. Beim Besuch helfen ein ruhiges Tempo und das Lesen der vorhandenen Informationstafeln, die räumlichen Zusammenhänge zu erfassen: Wo lagen Zaun, Kolonnenweg und Sperrstreifen? Welche Teile der Landschaft sind erhalten, welche haben sich verändert? Museums- und Gedenkorte vermitteln persönliche und lokale Perspektiven zur Grenzlandschaft. Besonders bei erhaltenen Grenzanlagen wird die Funktion der einzelnen Elemente im Zusammenhang verständlicher.

Für eine thematische Route lassen sich das Freiland-Grenzmuseum Sorge und der Ring der Erinnerung als zusammengehörige Stationen besuchen; weitere Spuren liegen im Eckertal und am Brocken. Die Wahl eines einzelnen Ortes kann ein guter Ausgangspunkt sein, um die unterschiedlichen historischen Ebenen im Harz zu verstehen: den politischen Grenzverlauf, das Leben in Sperrgebieten, die Öffnung im Jahr 1989 und die Entwicklung des Grünen Bandes. So wird der Harz als geteilter und wieder verbundener Landschaftsraum erkennbar.