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Todesmärsche im Westharz: Wege des Gedenkens

Als sich Anfang April 1945 amerikanische Truppen dem Harz näherten, ließ die SS die meisten Lager des KZ-Komplexes Mittelbau räumen. Häftlinge wurden in überfüllte Güter- und Viehwaggons gezwungen oder zu Fuß auf Gewaltmärsche getrieben. Die Räumung betraf Menschen aus dem Hauptlager Mittelbau-Dora und seinen Außenlagern. Die Kolonnen zogen unter Bewachung durch den Harz; wer erschöpft zurückblieb oder zu fliehen versuchte, wurde von Wachleuten erschossen. Die Verbrechen waren gezielte nationalsozialistische Gewalt gegen die zur Räumung gezwungenen Gefangenen. Täter waren insbesondere SS-Wachmannschaften; bei den Morden in Gardelegen beteiligten sich außerdem Wehrmachtssoldaten und Volkssturmmänner.

Eine Route zu Fuß, dazwischen Bahntransporte

Für einen großen Transport aus Mittelbau-Dora verlief der Weg in mehreren klar unterscheidbaren Abschnitten. Ein Zug mit Häftlingen strandete am 6. April 1945 in Osterode. Am Morgen des 8. April trieben Wachmannschaften rund 3.500 Menschen vom Südbahnhof über Lerbach und Clausthal-Zellerfeld, weiter über Schulenberg und durch das Okertal bis zum Bahnhof Oker. Dieser Teil der Strecke wurde zu Fuß zurückgelegt. In Oker wurden die Gefangenen in Viehwaggons verladen; am 14. April erreichten sie das Konzentrationslager Ravensbrück. Bei dessen Räumung folgten für Überlebende weitere Märsche. Bahntransport und Gewaltmarsch waren somit aufeinanderfolgende, eigenständige Abschnitte.

Die Route ist von anderen Räumungsmärschen zu unterscheiden. Häftlinge aus dem Außenlager Brunshausen kamen über Bad Grund und Clausthal-Zellerfeld nach Braunlage und Wernigerode; von dort fuhren sie per Bahn über Bitterfeld nach Dachau. Die Gefangenen der III. SS-Baubrigade aus Wieda wurden über Braunlage bis nahe Elend und danach über Hasserode nach Wernigerode getrieben; der Zugtransport führte anschließend nach Gardelegen. Diese Wege hatten unterschiedliche Ausgangslager, Verläufe und Ziele.

Auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora erinnert eine Todesmarschstele an die Häftlinge. 1980 beschloss der Bezirk Erfurt die Errichtung von 35 gleichartigen Stelen für Opfer aus Buchenwald und Mittelbau-Dora. Baugleiche Denkmäler wurden an weiteren Orten im Südharz aufgestellt. Ihre Form macht sichtbar, dass das Gedenken an verschiedenen Stationen stattfindet und mit Ortsgeschichte verbunden ist. Auch im Westharz haben lokale Gedenkzeichen und Projekte die Erinnerung an Häftlinge und die früheren Außenlager wachgehalten. Der Wegzeichen-Ansatz verbindet historische Informationen mit einem räumlichen Verlauf vom südlichen Harz bis in Richtung Oker. Die Orte markieren Schauplätze von Verfolgung, Zwang und Tod sowie die heutigen Standorte der Erinnerung.

Mehrere konkrete Orte halten die Wege im Westharz im Gedächtnis. Am ehemaligen Südbahnhof Osterode erinnert ein Gedenkstein an den Transport und den anschließenden Marsch. Auf dem städtischen Friedhof oberhalb des Burgbergs erinnert ein 1945 gesetzter Stein im polnischen Gräberfeld an 30 Häftlinge aus Mittelbau-Dora, die am Kaiserteich beim Aussteigen aus dem Zug erschossen wurden. Am Hirschler Brink steht ein Gedenkstein für elf Gefangene, die am 6. April 1945 auf dem separaten Marsch von Clausthal-Zellerfeld nach Braunlage ermordet wurden; bei Dammhaus wurden am selben Tag weitere zehn Menschen erschossen. Das Osterode-Profil verortet den Ausgangspunkt der Fußroute. Clausthal-Zellerfeld und Goslar markieren weitere Stationen.

Auf dem Todesmarsch von Osterode nach Oker flohen drei Häftlinge aus der Kolonne; sie erreichten den Iberg und suchten Schutz in einer Höhle. Am Morgen des 10. April 1945 wurden sie entdeckt und von Volkssturmmännern ermordet. Eine Gedenktafel im Stollen des HöhlenErlebnisZentrums erinnert an die drei Männer; sie wurde am 14. April 2015 eingeweiht. Zwischen HEZ-Eingang und Besucherparkplatz steht außerdem eine Edelstahl-Wegzeichenstele des Westharzer Todesmarsch-Projekts, ergänzt durch eine erläuternde Grafik.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung machte das Gedenkprojekt „Fahnen der Erinnerung“ 2015 auch die früheren Außenlager sichtbar: Der Verein „Jugend für Dora“ stellte in den beteiligten Gemeinden 31 einheitlich gestaltete Fahnen auf; 35 Bodenaufkleber erläuterten die Geschichte der Lager und ihrer Räumungstransporte. Das Projekt bezog die Gedenkzeichen über Gemeindegrenzen hinweg auf den gesamten Lagerkomplex Mittelbau.

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Lager, Ziele und Wege auseinanderhalten

Die historischen Orte müssen genau auseinandergehalten werden. Mittelbau-Dora war ein Konzentrationslagerkomplex im Südharz; seine Lager wurden im April 1945 geräumt. Bergen-Belsen war ein eigenes Konzentrationslager und eines der Ziele von Räumungstransporten aus dem Mittelbau-Komplex. Häftlinge wurden außerdem nach Sachsenhausen und Ravensbrück transportiert. Die belegten Ausgangslager, Marschabschnitte und anschließenden Bahntransporte ergeben für jede Häftlingsgruppe einen eigenen historischen Verlauf. Die Gedenkstätte Mittelbau-Dora nennt für Räumungstransporte und Todesmärsche eine nicht vollständig überlieferte Gesamtzahl der Opfer und gibt eine Schätzung bis zu 8.000 Toten an. Die Schätzung fasst Opfer verschiedener Räumungstransporte und Fußmärsche des Lagerkomplexes zusammen.