Waldwandel im Nationalpark Harz: Vom Forst zur Wildnis
Der Wald im Nationalpark Harz verändert sich, weil unterschiedliche Höhenlagen, frühere Waldnutzung und heutige Schutzentscheidungen zusammenwirken. Unten prägen Buchenwälder das Bild, weiter oben kommen Buchen-Fichten-Mischwälder und schließlich natürliche Bergfichtenwälder hinzu. Am Brockengipfel endet geschlossener Wald in der waldfreien Bergheide. Zugleich sind vielerorts Spuren früherer Forstwirtschaft sichtbar. Der Nationalpark unterscheidet Naturdynamikzonen, in denen sich natürliche Prozesse entfalten, und Naturentwicklungszonen, in denen zeitlich begrenzte Maßnahmen die Rückkehr zu naturnäheren Wäldern unterstützen.
Wie Nutzung die Harzer Wälder geprägt hat
Die Harzer Wälder wurden über Jahrhunderte genutzt. Der Bergbau benötigte große Mengen Holz; nach Rodungen und Übernutzung wurden mancherorts schnellwachsende Fichten angepflanzt. Fichten kommen natürlicherweise in den höheren Lagen vor, wo sie Kälte, Wind und Schneelast standhalten. In tieferen Lagen sind großflächige, gleichaltrige Fichtenbestände dagegen häufig das Ergebnis menschlicher Pflanzung. Eine vielfältige, standortgerechte Waldgemeinschaft ist besser an örtliche Bedingungen angepasst und widerstandsfähiger gegenüber Sturm, Trockenheit und Schädlingen.
Der Höhenunterschied ist im Nationalpark gut ablesbar. In den tieferen Lagen herrschen Buchen vor; an besonders kühlen, feuchten Steilhängen finden sich Schluchtwälder, entlang von Bächen Erlenbestände. Mit zunehmender Höhe wächst der Anteil der Fichte, bis sie in den rauen Hochlagen natürlicherweise dominiert. Am Brocken können Bäume den extremen Bedingungen nicht mehr standhalten; niedrige Kräuter, Gräser und Zwergsträucher bilden dort die Bergheide. Die Abfolge der Höhenstufen prägt die vielfältigen Waldlandschaften des Harzes.
Entwicklungszone und natürliche Dynamik
Der Nationalpark ist ein Entwicklungsnationalpark. In Naturentwicklungszonen erfolgen zeitlich begrenzte, schutzzweckbezogene Maßnahmen, um die Entwicklung ehemals stark veränderter Wälder zu naturnäheren Beständen zu unterstützen. Dazu gehören das Unterpflanzen früherer Fichtenforste mit heimischen Buchen oder das Entfernen einzelner Fichten, damit junge Laubbäume mehr Licht erhalten. Bei diesen Maßnahmen steht die Entwicklung naturnäherer Wälder im Vordergrund. Sie sollen Voraussetzungen schaffen, die natürliche Prozesse langfristig stärken.
In Naturdynamikzonen wird die Entwicklung dagegen weitgehend der Natur überlassen. Bäume, die durch Alter, Krankheit oder Sturm umfallen, bleiben als Totholz im Wald. Das Totholz wird von Pilzen und Kleinorganismen zersetzt, trägt zur Humusbildung bei und bildet vielfältige Lebensräume. Zwischen liegenden Stämmen können junge Bäume Schutz finden. In tieferen und mittleren Lagen gewinnen heimische Laubbäume wieder Raum; in höheren Lagen wachsen Fichten und Ebereschen unter den dortigen Klimabedingungen nach. Abgestorbene Bäume gehören zum ökologischen Kreislauf des Waldes.
Die nächste Waldgeneration beginnt oft als kaum erkennbare Sämlinge im Laub. Viele junge Pflanzen sehen zunächst anders aus als ausgewachsene Bäume; eine große Zahl von Keimlingen erhöht die Chance, dass einige trotz Trockenheit, Schatten, Wildverbiss und Mäusefraß heranwachsen. Diese natürliche Verjüngung ergänzt gezielte Pflanzungen dort, wo der Nationalpark ehemals stark veränderte Bestände in Naturentwicklungszonen unterstützt.
Borkenkäfer, Totholz und Schutzmaßnahmen
Borkenkäfer gehören zu den natürlichen Bewohnern der Fichtenwälder. In natürlichen Bergfichtenwäldern befallen sie geschwächte Bäume und wirken an der Waldentwicklung mit. In großflächigen, gleichaltrigen Fichtenforsten können sich die Käfer nach Stürmen oder langen Hitze- und Trockenperioden stark vermehren. Innerhalb des Nationalparks wird deshalb zwischen Naturdynamikzonen und einem Sicherungsstreifen an Außengrenzen unterschieden, wo Maßnahmen zum Schutz angrenzender Wirtschaftswälder stattfinden. Das erklärt, weshalb Besucher sowohl belassene Totholzbestände als auch bearbeitete Flächen sehen können. Einzelne Arbeiten oder Wegesperrungen sind örtlich und zeitlich begrenzt.
Waldwandel ist ein langfristiger Prozess. Pflanzungen, Nachwuchs, Zerfall alter Bäume und die Wiederbesiedlung durch Arten verlaufen über unterschiedliche Zeiträume. Junge Bäume, stehendes Totholz, umgestürzte Stämme und weiterhin dicht bewaldete Hänge kommen dabei nebeneinander vor.
An öffentlichen Straßen werden abgestorbene Bäume aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt. In Naturdynamikzonen bleibt das gefällte Holz im Wald: Zwischen den Stämmen können Fichten, Ebereschen und andere Laubbäume aufkommen; zugleich bleibt Totholz Teil des natürlichen Kreislaufs. Für Arbeiten an Straßen werden Bereiche gesichert und erforderliche Sperrungen mit der zuständigen Verkehrsbehörde abgestimmt.
Waldwandel auf Wegen erleben
Am Brocken erläutern vier Themeninseln an der Brockenstraße den Waldwandel zur Wildnis; weitere Informationspunkte liegen unter anderem auf dem Brockenrundweg, am Achtermann und am Quitschenberg. Panoramabilder und thematische Stationen machen Veränderungen entlang der Wanderung nachvollziehbar. Bei der Installation 2020 lagen die Themeninseln unter anderem hinter dem Nationalparkhaus Schierke, an der Schluftwasser-Kurve, am „Kino“ und an der Einmündung des Goethewegs.
Auf markierten Wanderwegen lassen sich Höhenstufen, junge Bäume und Totholz aus nächster Nähe beobachten. Der Hochharz zeigt die besonderen Bedingungen der Bergfichtenwälder; der Brocken führt bis zur baumfreien Gipfelheide. Zum UNESCO-Welterbe im Harz gehören Bergwerksstandorte, deren jahrhundertelanger Holzbedarf die Wälder prägte, und das Oberharzer Wasserregal veranschaulicht die historische Kulturlandschaft.
Das Wegegebot schützt sensible Lebensräume und erleichtert zugleich eine sichere Beobachtung. Besonders nach Sturm oder starkem Schneefall können Äste herabfallen oder Bäume umstürzen; Wegesperrungen und örtliche Hinweise sind deshalb ernst zu nehmen. Der Waldwandel lässt sich am besten als Zusammenspiel von Naturprozessen, vergangenen Eingriffen und begrenzter Entwicklungshilfe verstehen. So wird sichtbar, warum der Harz sowohl alte Buchenwälder und natürliche Bergfichten als auch Flächen im Übergang beherbergt – und warum Veränderung hier selbst ein zentrales Merkmal des Waldes ist.